Marianne Nagel                    *GOLDAGUTI*

3 Schluck Bosporuswasser - Wasserschöpfen aus der Meerenge

 Ein Bericht

 

Tag 1

Sonntag, 7. Oktober 2012,17:00

 

Ich renne. Die Sonne steht tief und blendet mich. Ich hatte zu spät das Haus verlassen.

Die Straßen sind voll bummelnder Menschen. Ich renne in der Öffentlichkeit. Als Frau. Warum mache ich mir darüber Gedanken? Weil meine Brüste hopsen. Weil das Fleisch an meinen Oberschenkeln bei jedem Schritt in die jeweils andere Richtung schaukelt. Ein ganz normaler Vorgang. Aber keiner, den ich hier bisher bei einer anderen Frau gesehen habe.

Höchstens trippeln. Aber nicht sprinten.

Egal. Ich bin auf der Fähre. Als Letzte.

Jetzt schießt der Schweiß. Ich triefe. Fühle mich in der falschen Klimazone. Zuhause sind es 10 Grad!

Ich finde einen Platz an der Reling. Genieße den Fahrtwind. Die Aussicht auf Wellen, Skyline, tausend weitere Schiffe, Möwen.

Der Dieselmotor brummt. Alles gut.

 

Zu meiner Mission: Wasser aus dem Bosporus schöpfen. Jeden Tag ein paar Schlucke. Jeden Tag anderes Wasser. Jeden Tag bin ich anders. Aber ich traue mich nicht. Einfach eine 0,5 Liter Flasche an einer gelben Wäscheleine vom Boot aus ins Wasser lassen. Ich stehe da. Gucke runter. Beäuge meine Nachbarn. Fühle mich unwohl. Na toll.

Gleich legt das Schiff wieder an. Jetzt aber. Flasche aus dem Jutebeutel zerren. Wäscheleine enttüddeln. Oje, ich zittere. Ab damit ins Wasser....

Die kleine Flasche gleitet über die Wellen und geht nicht unter. Herrje. Verdammte Plaste.

„Are you an artist?“

Eine dunkle Sonnenbrille wendet sich mir zu.

„Äh. No. Yes. Studying.“

„What are you doing with the water?“

„Don‘t know, just startet. I collect it and see, what happens.“

„Very interesting! Maybe you should stick something on your plasticbottle, so that it doesn‘t swim anymore.“...

Am Ende habe ich bestimmt einen Zentiliter. Immerhin.

Steige aus. Steige wieder ein. Fahre zurück und lese in der Frankfurter Allgemeine über Altersarmut Freier Künstler in Berlin.

 

Tag 2

Mittwoch, 10. Oktober 2012,17:50

 

Wir haben eine von den neuen Fähren ergattert. Sie ist größer und kann sogar rückwärts fahren.

Fast alleine. Der Blick schweift über den Hafen, hinüber zu den Prinzeninseln, dann auf das Goldene Horn. Schön gemächlich.

Der türkische Herbst hatte mir eine Erkältung beschert. Deshalb die Mütze. Endlich wieder auf einem Boot. Ohne Hast und begleitet von goldenen Sonnenstrahlen. Heute bin ich entspannter.

Ich lasse die Plastikflasche am Seil ins Wasser. Diesmal bei voller Fahrt. Ich habe sie präpariert und einen merkwürdigen Marienkäferanstecker aus Stein mit Tesafilm unter die Flasche geklebt. Er ist nicht schwer genug. Der Fahrtwind lässt die Flasche auf den Wellen tanzen. Ich lache. Versuche es erneut. Für ein paar Tropfen reichts dann doch.

Es geht nicht gleich wieder zurück. Gemeinsam strolchen wir durch die abendlichen Gassen von Beyoglu. Auf dem Weg zur Schuhfrau. Als sie klein war, ging sie vor dem Schlafengehen immer mit ihrem Vater spazieren. Bummelnd von Schuhladen zu Schuhladen. Als sie größer war, sagte sie: „Vater, ich habe mich verliebt!“ Daraufhin fragte er: „Welches Paar sind es denn?“

Heute werde ich mich verlieben.

Als wir ihren Laden verlassen, sind meine Füsse von einem stummen Schuster Maß genommen worden. Währenddessen sprang eine kleine Katze zwischen meinen Füssen umher, die er immer wieder zärtlich zur Seite schob. Sie verstand sein stimmbandloses Knarzen.

 

 

Tag 3

13. Oktober 2012, 11:15

 

Wieder mit einem eleganten Sprint die Fähre geschafft.

Ich finde kaum einen Platz. Stelle fest, dass es wieder wärmer geworden ist. Beäuge durch meine Sonnenbrille den jungen Mann mir gegenüber. So wie er mich beäugt.

An der Besiktaser Fährstation warten ca. 10 Polizeibusse. Die Männer und Frauen mit Maschinengewehren im Anschlag. Die Passagiere gehen murmelnd an ihnen vorbei. Verdammt! Türkisch lernen!

Heute werde ich die Bosporus-Brücke überqueren! Ich werde die 1,5 Kilometer überschreiten, von Europa nach Asien zu Fuß. Und an der höchsten Stelle werde ich die 60 Meter runterspucken. In den Bosporus, die schönste Meerenge. Die dröhnende 6-spurige Autobahn werde ich im Rücken haben aber der Wind und die Aussicht!

Jedoch, der Weg vom Hafen aus ist weiter, als erwartet. Es ist heiß. Ich verlaufe mich in Ortaköy. Der Anfang der Brücke bleibt unerreichbar. Ich gebe auf. Trete mit hängenden Ohren, die Blicke der Istanbuler Upperclass im Nacken, den Weg zurück an. An der übermannshohen Mauer einer Straße hängen geschätzte 100 blau-verblichene Atatürk Bildnisse. Atatürk im Schnee, Atatürk im Schlafsack, Atatürk mit Hühnern...

Kurz vor der Fähre treffe ich auf einen Buchladen. Buchläden sind überall freundlich. Ich gehe rein, lasse mir 5 Wälzer von Aca Güler, dem Istanbuler Chronisten und Fotografen geben und versinke für die nächste halbe Stunde in den 50er bis 70er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Wasser schöpfe ich auch noch. Vom Pier in Besiktas aus. Die Flasche ist, auch mit Marienkäferanstecker plus 2-Lira Münzen beschwert, noch zu leicht. Was für ein Dilettantismus!

Man trifft sich tatsächlich immer 2 Mal. Auch in Istanbul. Der junge Mann von vorhin fährt auf meinem Weg nach Hause wieder mit. Könnte ich die Konventionen besser einschätzen, könnte ich türkisch sprechen, würde ich ihn grüßen.

 

Heute lese ich: die Bosporus Brücke ist seit 1977 für Fußgänger gesperrt, obwohl es einen Fußweg gibt.

Wahrscheinlich haben zu viele Touristen runtergespuckt.

Text aus dem Künstlerbuch  »Schöpfgeschichten« , sowie in: »Halle ‹—› Istanbul«, Verlag der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, Halle,  2014, S. 104-109